Fasnacht – Spiegelbild im Jahreslauf

Die gesamte, neuere Forschung zu den Ursprüngen der Fasnacht belegt, dass sie ihren Ursprung ganz und gar im christlichen Jahreslauf hat. Sie war von Anfang an das Schwellenfest vor dem Anbruch der vierzigtägigen Fastenzeit.
Schon der Name des traditionellen Termins dieses Brauchtums macht deutlich, wie die Fasnacht von Anfang an verstanden wurde. Werner Mezger, ein anerkannter Fachmann im Bereich der Fasnachtsforschung formuliert entsprechend: „Ebenso wie der Abend vor dem Geburtsfest Christi ‚Weihnacht’ heisst, meint ‚Fastnacht’ nichts anderes als den Vorabend der Fastenzeit.“
Diese bedeutete im Wirtschaftsjahr der Bevölkerung früherer Zeit einen radikalen Einschnitt und änderte ihre Speisegewohnheiten. So entstand in der Fasnacht zunächst ein letztes „Mahl halten ohne Mass“ – spätestens seit dem 13. Jahrhundert: Essen und Trinken waren die Grundlage des Feierns. Grund waren dabei insbesondere die strengen Abstinenzgebote, die den Genuss aller aus Grossvieh- und Geflügelhaltung gewonnenen Nahrungsmittel betrafen. Hinzu kamen Musik und Tanz und im 14. und 15. Jahrhundert schliesslich theaterähnliches Schauspiel auf Strassen und Plätzen, das im Spiegelbild die geistliche und weltliche Obrigkeit kritisch darstellte und dem Menschen in den mittelalterlichen Gesellschaftsstrukturen ein gewisses Aufatmen ermöglichte.

Kritischer Spielraum der Identität

Die kritische „Spielraum“ des fasnächtlichen Geschehens gegenüber Vorgängen der manchmal allzu menschlichen Gesellschaft gibt auch dem heutigen Menschen in der Fasnacht einen gewissen Raum, um ‚Mensch mit Leib und Seele sein zu können’.
Das Spiel mit der Identität, das vorübergehende "Sich-selber-Aufgeben" und „Sich-selber-Wiederfinden“ gehörten seit alter Zeit zum Wesen der Fasnacht. Angesichts der ständig wachsenden Anforderungen der modernen Gesellschaft an den Einzelnen ist dieses durch das Brauchtum legitimierte, befristete Herausgehen aus der AlltagsroIle auch heute ein willkommener Raum des Auf- und Durchatmens.

Spiegelbild fasnächtlichen Schauspiels

Eine mehr oder weniger anspruchsvoIle Möglich­keit der Aufgabe und Neufindung der AIItagsroIle im Rahmen der Fasnacht kann das Verkleiden oder Maskieren sein. Durch Verkleidung, Kostümierung und Schminken kann die alltägliche Erscheinung einer Per­sönlichkeit nach Belieben mehr oder weniger stark verändert werden und im fasnächtlichen Raum des Schauspiels können menschliche Seiten der Persönlichkeit aufleben, die vielleicht inmitten der Anforderungen des Alltags zu veröden drohen. Die Kraft echter Freude kann Menschen verbinden, wo menschliches Miteinander vielleicht fremd geworden ist.

So ist die Fasnacht – im echten Sinn verstanden – ein Spiegelbild, das uns wieder einen Schritt zum Menschsein verhelfen kann. Dabei zeigt der Spiegel möglicherweise verschiedene Facetten: die menschliche Selbstverliebtheit, die kritische Selbstentlarvung und auch längst verborgene, frohe Seiten der eigenen Persönlichkeit.

Andreas Barth